ADFC-Bundesvorsitzende Rebecca Peters

ADFC-Bundesvorsitzende Rebecca Peters © ADFC/Deckbar Photographie

ADFC-Bundesvorsitzende Rebecca Peters im Interview

Seit November 2021 steht Rebecca Peters an der Spitze des neuen ADFC-Bundesvorstands. Die 25-jährige Verkehrsgeographin ist hier seit 2018 Mitglied. Im Interview erzählt sie, was sie sich für die nächsten zwei Jahre vorgenommen hat.

Seit November 2021 steht Rebecca Peters an der Spitze des neuen ADFC-Bundesvorstands. Die 25-jährige Verkehrsgeographin ist hier seit 2018 Mitglied. Im Interview erzählt sie, was sie sich für die nächsten zwei Jahre vorgenommen hat und wie sie die Chancen für das Fahrradland 2030 mit einem von der FDP geführten Verkehrsministerium einschätzt.

Du bist seit November die ADFC-Bundesvorsitzende. Was war deine Motivation, nach drei Jahren im ADFC-Bundesvorstand als Bundesvorsitzende zu kandidieren?
Ich bin zu einer Zeit in den Bundesvorstand gekommen, als der Veränderungswille und der Wunsch nach Modernisierung im ADFC deutlich spürbar waren. Ich habe gemerkt, da schlummert ganz viel Potenzial und ich habe sehr viele Ideen, wie ein moderner ADFC aussehen könnte, an welchen Stellen wir Dinge anders machen können oder sogar verändern müssen, um mit der Zeit zu gehen. So entstand die Idee, als Bundesvorsitzende zu kandidieren – und mit dem Wechsel im Vorstand kam die Gelegenheit dazu.

An politischer Schlagkraft gewinnen

Was hast du dir für die nächsten zwei Jahre als Bundesvorsitzende vorgenommen?
Ich möchte, dass der ADFC weiter an politischer Schlagkraft gewinnt – und dafür brauchen wir viel mehr Mitglieder. Wir müssen deutlich attraktiver werden – für ganz unterschiedliche Menschen. Deshalb ist es wichtig, mehr darüber zu wissen, warum Menschen bei uns Mitglied sind, um so gezielt weitere Menschen für unsere Ziele zu gewinnen. In der Außenwahrnehmung sind wir ein ganz anderer Verein als in der Innenwahrnehmung. Nach außen wirken wir kompetent, aber wenig nahbar. Wir müssen viel deutlicher zeigen, wie wir uns modernisiert haben, wer wir sind, was wir können und wofür wir stehen – das habe ich mir für die nächsten zwei Jahre vorgenommen.

Parteifarben treffen keine Entscheidungen

Kurz nach deiner Wahl wurde klar, dass die FDP das Verkehrsministerium übernimmt. Wie schätzt du die Chancen für das Fahrradland 2030 ein?
Ich bin fast grenzenlos optimistisch, denn ich habe beim ADFC gelernt, dass es selten die Parteifarbe, sondern der Mensch ist, der die Entscheidungen trifft. Natürlich braucht man kein Geheimnis daraus machen, dass der Koalitionsvertrag eine herbe Enttäuschung war. Da steht bei Weitem nicht drin, was wir gefordert haben oder was wir brauchen, um das Fahrradland Realität werden zu lassen. Aber es sind sehr gute Hebel enthalten, mit denen wir in den nächsten vier Jahren sehr weit kommen können. Jetzt geht es darum, nicht den Verkehrsminister von der FDP zu überzeugen, sondern darum, Herrn Wissing als Menschen zu überzeugen, dass das Fahrradland eine tolle Idee ist und dass das Fahrrad viel mehr kann, als er vielleicht denkt.

Hat der ADFC für 2022 schon konkrete Schritte geplant, um die Verkehrswende voranzubringen?
Unser Fokus liegt klar auf der Reform des Straßenverkehrsgesetzes. Das ist ein großes Projekt, das auf jeden Fall in den ersten 100 Tagen der neuen Regierung angegangen werden muss. Wenn es uns gelingt, das Straßenverkehrsgesetz neu aufzusetzen und an neuen Kriterien zu orientieren – also nicht mehr nur die Flüssigkeit des Verkehrs, sondern eben auch Menschenleben, Klimaschutz, Stadt- und Siedlungsentwicklung gesetzlich zu verankern – dann haben wir sehr viel gewonnen.
Um die Verkehrswende mit dem Fahrrad im Mittelpunkt umzusetzen, wollen wir 2022 politisch noch schlagkräftiger werden – indem wir mehr Menschen von uns überzeugen. Wir wollen auf Demonstrationen dabei sein und unsere Expertise auf Fachveranstaltungen einbringen, Kooperationen eingehen und dabei immer wieder klarmachen, wer wir sind und wofür wir stehen.

Modernisieren, aber Wissen und Erfahrung erhalten

Vor welchen Herausforderungen steht der ADFC noch?
Wir haben eine neue Bundesregierung, einen neuen Bundesvorstand und eine neue Geschäftsführung. Da ist es wichtig, Wissen und Erfahrungen zu erhalten. Modernisierung heißt nicht, dass wir alles Alte abreißen. Wir wollen auf dem starken und stabilen Fundament weiter aufbauen, das der ADFC in den letzten 40 Jahren geschaffen hat. Die Herausforderung ist es, ein gutes Gleichgewicht zwischen alten Erfahrungswerten und neuen Visionen zu schaffen – und dabei uns selbst und unser Ziel, die Verkehrswende, nicht zu verlieren.

Wie sieht der moderne ADFC aus?
Noch wird der ADFC als Verband mit vor allem älteren, weißen, männlichen Mitgliedern mit akademischem Hintergrund wahrgenommen. Ein moderner gesellschaftspolitischer Akteur muss aber für alle Teile der Bevölkerung offen sein und so ganz unterschiedliche Menschen und Gruppen ansprechen. In dieser Hinsicht muss der ADFC jünger werden, deutlich mehr Frauen und auch Nicht-Akademiker ansprechen, einfach viel diverser werden. Dafür ist der ADFC schon wichtige Schritte gegangen, hat seine Stärken und Schwächen analysiert, sich modernisiert und sich neue Ziele gesetzt. Daran müssen wir weiterarbeiten. Mit der Kampagne #MehrPlatzFürsRad zum Beispiel waren wir sichtbar und sehr erfolgreich – daran wollen wir anknüpfen.
Es ist auch wichtig, dass wir agiler werden und uns für neue Dinge öffnen. Wir waren sehr lange alleine im Kampf für die Verkehrswende und das Fahrrad. Mittlerweile gibt es viele Verbände und Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Wir müssen lernen, gemeinsam mit anderen zu arbeiten, Kooperationen einzugehen, Arbeit zu teilen und dabei trotzdem sichtbar zu werden.

Der Verkehrswende eine Stimme geben

Wie willst du diversere Zielgruppen ansprechen?
Wenn wir von der Verkehrswende sprechen, sprechen wir von nicht weniger als einem gesellschaftlichen Wandel. Um ihn zu vollziehen, müssen wir große Teile der Gesellschaft erreichen und mitnehmen – doch viele Menschen kennen den ADFC gar nicht oder wissen nicht, wofür er steht. Deshalb habe ich in meiner Antrittsrede gesagt, dass ich dem Wandel ein Gesicht und der Verkehrswende eine Stimme geben will. Dafür ist es sehr wichtig, Geschichten zu erzählen: Warum fahren Menschen Fahrrad? Warum sind sie bei uns Mitglied? Und warum engagieren sie sich?
Wir haben es zur Bundestagswahl das erste Mal geschafft, unsere Forderungen mit klaren Emotionen und Visionen zu verbinden. Da geht aber noch mehr, in dem wir transparenter machen, wie unsere Arbeit aussieht: Was machen unsere Kreisverbände, die Landesverbände und der Bundesverband? Welche Personen stehen dahinter? Diese Geschichten müssen wir erzählen, um Menschen über positive Emotionen abzuholen.
Fachlich sind wir sehr gut aufgestellt und werden dafür an vielen Stellen sehr geschätzt. Diese Qualität wollen wir beibehalten. Wir können noch besser darin werden, das auch zu kommunizieren und damit sichtbar zu werden.

Du sagst, der ADFC soll diverser werden, also auch Menschen beispielweise aus sozial benachteiligten Familien ansprechen. Wie passt das mit der Erhöhung der Mitgliederbeiträge ab März 2022 zusammen?
Die Beitragserhöhung ist absolut notwendig, um uns weiter zu professionalisieren, zu modernisieren und die Digitalisierung voranzutreiben – und dabei finanziell unabhängig zu bleiben. Das sollte nicht das Gegenargument sein, um nicht auch andere Menschen anzusprechen. Wir haben ermäßigte Beiträge und auch individuelle Lösungen sind möglich, wenn jemand Mitglied werden möchte und sich den Beitrag aber nicht leisten kann. Im Moment haben wir sehr gute Möglichkeiten, auch finanziell schwächeren Menschen eine Mitgliedschaft zu ermöglichen. Sobald wir merken, dass wir damit nicht weiterkommen, ist es unsere Aufgabe, Lösungen zu suchen und Angebote zu schaffen. Schließlich wollen wir Menschen aktiv einladen, bei uns mitzumachen.

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https://emsland.adfc.de/artikel/adfc-bundesvorsitzende-rebecca-peters-im-interview-12

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